23
Feb
08

Indien: Der Versuch eines Fazits

Ein Monat Indien. Genug Zeit um eine Menge an Eindrücken zu sammeln und vielleicht ein bißchen über dieses riesige Land zu lernen. Zunächst einmal ist die Mentalität der Inder nur sehr schwer mit der von Europäern zu vergleichen. Insbesondere in Hinsicht auf den Faktor Zeit herrscht hier ein anderes Denken. Für einen Europäer ist Zeit ein begrenztes Gut, das mit dem Zeitpunkt des Todes versiegt. Das Leben ist eine Strecke, die Länge in gewissen Grenzen definiert und vor allem: endlich. Leben und Zeit sieht der Inder eher als einen Kreis. Ist das eine Leben vorbei wird man wiedergeboren und fängt von vorne an. Der Vorrat an Zeit ist daher unerschöpflich. Daher macht es dem Inder auch nichts aus, wenn er drei Stunden zur Arbeit braucht, oder der Handwerker mal ne Woche später kommt als angekündigt.

Die Redewendung “Das kann man nicht vergleichen” wird bei uns ja relativ häufig benutzt. In Indien ist mir erstmal aufgefallen, was damit wirklich gemeint ist. Es gibt so viele Sachen in Indien, die man mit ihrem Pendant in Europa wirklich nicht vergleichen kann. Man findet einfach keinen Maßstab mit dem man beide Sachen messen und hierüber vergleichen könnte. Am deutlichsten wird dies wohl am Aspekt “Sauberkeit und Hygiene”. Wenn man in Indien in ein “Luxushotel” geht und sich die dortigen sanitären Einrichtungen anguckt ist man geradezu überwältigt, welche Reinheit einem hier entgegenstrahlt. Aber nur weil man weiss, was in Indien Standard ist und sich unterdessen an diesen (sehr niedrigen) Standard gewöhnt hat. Nach mehr als nach einem Duschkopf und mehr oder weniger warmem Wasser traut man sich nach wenigen Tagen kaum mehr zu fragen. Der Schimmel in den Ecken und an der Decke übersieht man dann schon schnell.

Vor allem zu Beginn des Indienaufenthalts ist man schnell genervt von der Menge an lästigen Eindrücken, die auf einen niedergehen. Gestank, Dreck, Smog, Lärm, Autos und Rikschas die einen fast über den Haufen fahren, Bettler die einen am Arm festhalten bis man sehr deutlich wird, Straßenhändler die einen über den Tisch ziehen wollen. Es dauert ein paar Tage bis man für einige dieser Sachen Verständnis aufbringen kann und in der Lage ist, den Rest auszublenden. Wenn man diesen Vorhang beiseite geschoben hat kann man endlich wieder die Augen öffnen und erkennt die atemberaubende Schönheit, die dieses Land für einen bereithält. Kurze Strecken mit Bus oder Bahn werden zu Fahrten durch ein Bilderbuch, dass man aus Fernsehen oder Reiseberichten zu glauben kennt.

Nach UNO-Standards leben 80% der Bevölkerung Indiens unter der Armutsgrenze. Als ich diese Zahl zum ersten Mal hörte konnte ich es eigentlich nicht glauben. Das Problem liegt darin, wie diese Zahl zu Stande kommt. Mit den 2$ pro Tag, die die Obergrenze für Armut definiert kann man in Europa mit Sicherheit kaum überleben. In Indien, wo man sich davon den Bananenvorrat für einen Monat kaufen könnte, kann man damit sehr wohl auskommen. Zwei verschiedene Welten, aber ein gemeinsamer Maßstab.

Indien ist zu Beginn wirklich anstrengend, aber wenn man sich die Mühe macht und sich beginnt mit diesem Land ein wenig zu beschäftigen dann zahlt es einem diese Mühen hundertfach zurück. Die Hauptattraktionen sind nicht die Tempel und Paläste, sondern das Leben an sich und wie die Menschen in Indien es trotz zahlreicher Schwierigkeiten meistern.


1 Antwort zu “Indien: Der Versuch eines Fazits”


  1. 1 Helmut Februar 23, 2008 um 7:23 Uhr nachmittags

    Hallo Philipp!

    Ein sehr interessant geschriebener Bericht über Deine Eindrücke in Indien.
    Auch bei uns deht man sich hin und wieder im Kreis.

    Helmut

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